Wie fühlt es sich an, wieder zurück in Deutschland zu sein?

Seit ziemlich genau einem Monat sind Leon und ich zurück in Deutschland – und es gibt eine Frage, die uns wirklich jede*r stellt: Wie ist es denn, wieder zurück in Deutschland zu sein?

Die Antwort darauf ist alles andere als einfach. Denn es wirken so viele verschiedene Gefühle gleichzeitig, dass meine Reaktion darauf meist komisch lautet. Wie genau wir uns gefühlt haben – und vielleicht immer noch fühlen – versuche ich hier mal in Worte zu fassen.

Langsamer Start zur Rückkehr

Eigentlich waren wir keine Ewigkeit unterwegs – aber es fühlte sich irgendwie so an. Während wir neun Monate lang durch die Welt reisten, lief das Leben in Deutschland einfach weiter. Nach unserer Rückkehr bemerkten wir schnell: Für die meisten hier hat sich gar nicht so viel verändert – für uns allerdings schon. Die Geschwindigkeit, mit der wir unterwegs waren, war gefühlt zehnmal so hoch wie die des „normalen“ Lebens. Das war uns zwar bewusst, doch ich hatte nicht damit gerechnet, dass genau dieser Umstand sich herausfordernd anfühlen würde. Aber fangen wir von vorn an.

Das Schöne an unserer Rückkehr war: Es fiel uns leicht, zurückzukommen. Denn von der ersten Sekunde an war alles vertraut. Alles gewohnt. Ein Gefühl von Sicherheit und Ruhe durchströmte uns – und das konnten wir wirklich gut gebrauchen, gerade nach der Zeit in Marokko.

Der erste Tag nach unserer Rückkehr fühlte sich an, als hätte jemand all unsere Energie aus unseren Körpern gezogen. Wir waren träge, faul und traurig. Nachdem wir früh morgens bei der Agentur für Arbeit waren, legten wir uns wieder ins Bett und schliefen. Wir machten uns einfaches Essen und schauten Serien auf Netflix. Wir redeten – und verließen das Haus nicht. Ein völlig unspektakulärer Tag, der sich genau deshalb so gemütlich anfühlte: einfach ankommen und sich Zeit geben.

Schon vor der Rückkehr spürte ich, wie wichtig es für mich sein würde, mir nach der Ankunft bewusst Zeit zu nehmen. Offen gestanden bemerkte ich das in der extremen Angst, die ich vor dem Zurückkommen hatte. Anfangs plante ich meine Rückkehr nach meinen früheren Mustern: Ich nahm mir viel vor, hatte hohe Ansprüche und keine Zeit zum erholen. Doch nach neun Monaten unterwegs hatte ich glücklicherweise einiges dazugelernt – und konnte noch rechtzeitig erkennen: Ich brauche Zeit für mich, statt einen durchgetakteten Kalender, der mir die Energie raubt und keinen Platz für mich lässt. Letztlich musste ich deshalb ein paar wirklich schöne Verabredungen absagen (sorry an die Betroffenen!) – aber die gewonnene Zeit war für mich rückblickend bedeutungsvoll. So kam ich mit einem ruhigeren Gefühl nach Hause – und mit dem Wissen, dass ich einfach sein darf. Dass es nichts zu tun gibt, außer in Deutschland wieder klarzukommen.

Und trotzdem war da diese Vorfreude: auf die ersten Begegnungen, auf das Wiedersehen mit Menschen, die wir vermisst hatten. Und diese Wiedersehen waren etwas so Besonderes und schönes für mich. Die Tränen, die flossen und die Umarmungen, bei denen man kurz die Luft anhält.

Über unsere Zeit in Berlin & Hof

Zuerst verbrachten wir ein paar Tage in Berlin, gingen frühstücken, fuhren mit dem Fahrrad durch die Stadt und sahen die ersten Freunde wieder. Schon da bemerkten Leon und ich: Unsere Wahrnehmung hat sich verändert. Wir sehen Dinge plötzlich durch eine andere Brille – und das ist schön und beängstigend zugleich. Dinge, die für uns früher selbstverständlich waren, betrachten wir nun aus einem ganz anderen Blickwinkel.

Ich erinnere mich an unseren ersten Brunch in einem fancy Café in Kreuzberg. Das Essen war lecker, die Leute besonders cool, die Atmosphäre entspannt. Aber irgendwie fühlten wir uns wie Fremdkörper. Alle lachten, gestikulierten wild – und wir saßen einfach nur da und schauten uns an. Als wären wir nicht neun Monate, sondern ein paar Jahre weg gewesen. Dann die Fahrradtour durch Berlin: Wow, wie grün und ruhig alles ist! Naja, bis wir am Kottbusser Tor vorbeikamen. Aber auch da: Die Wahrnehmung war eine ganz andere. Es machte Spaß und fühlte sich so leicht an – wie lange sind wir einfach kein Fahrrad mehr gefahren?!

Dann trafen wir ein paar Freunde – und plötzlich kam neben der Freude ein weiteres Gefühl hinzu: Nervosität. Dieses Gefühl war uns in diesem Kontext fremd. Anspannung, wenn man Freunde wiedersieht? Natürlich freuten wir uns. Wir wollten sie umarmen, mit ihnen sprechen, sie wieder nah haben. Und doch war da eine Unsicherheit: Ist alles noch wie vor der Reise? Wie haben wir uns verändert – und wie die anderen? Wie verhalte ich mich im Vergleich zu früher? Wo verstelle ich mich vielleicht unbewusst? Fragen, die ich mir früher nie gestellt hätte, die mir aber plötzlich durch den Kopf schossen. Ich denke, es liegt daran, dass wir SO viel Zeit hatten, uns mit uns selbst zu beschäftigen. Da ist es vielleicht ganz normal, dass solche Fragen auftauchen. Und ich denke auch, dass eine längere Abwesenheit bestimmte Dynamiken sichtbarer macht. Ihr seht vielleicht hier schon die Komplexität der Gefühle, die ich oben angesprochen habe.

Diese Empfindungen zogen sich auch durch die Zeit in meiner Heimat Hof, wo wir die folgenden zwei Wochen verbrachten. Bei jeder Begegnung mit Freunden oder Familie freuten wir uns riesig – und doch war da jedes Mal eine gewisse Nervosität, eine Anspannung. Ich fühlte mich wie eine Beobachterin – als würde ich einfach nur wahrnehmen, was ist. Ganz oft fühlte es sich zu Beginn von Treffen an, als wäre ich ein Fremdkörper in einem vertrauten Raum. Ich wusste nicht, wohin mit mir, was mit mir los ist. Nach kurzer Zeit änderte sich dieses Gefühl jedoch – und es wurde leichter und die Freude größer. Die innere Zurückhaltung, die ich an mir spürte, war mir neu. Und vielleicht ist das bis heute eines der seltsamsten Gefühle am Zurückkommen.

Zurück in Berlin veränderte sich das langsam. Ich wurde krank – und mein Körper schickte mich in eine Zwangspause. Aber auch dadurch merkte ich: Es fühlt sich langsam wieder normal an, an einem Ort zu sein. Wie schön es ist, den ganzen Tag zu Hause zu verbringen und sich endlich fallen zu lassen.

Wir wurden ruhiger und bemerkten: Vielleicht fühlt sich die Rückkehr auch deshalb so seltsam an, weil wir in eine strukturierte, geregelte und vor allem verplante Welt mit Systemen zurückkehren, in die wir uns nicht mehr so wohlfühlen. Vielleicht auch, weil wir gerade nur einen groben Plan für unsere Zukunft haben – und unseren Alltag ganz anders leben als die meisten Menschen, die wir kennen. Wir sind in einer Übergangsphase. Und die fühlt sich oft beängstigend und unsicher, aber auch aufregend und lebendig an. All das mischt sich mit den komplexen Gefühlen der Rückkehr, die sich manchmal schwer einordnen lassen.

Fazit zum Zurückkommen

In jedem Fall tut es unheimlich gut, weiterhin Zeit mit Freunden verbringen zu können und eine Wohnung zu haben, in der man sich fallen lassen kann. Es ist schön, sich wieder eine kleine Routine aufzubauen und Sportangebote in der Nähe zu haben. Wir merken aber auch: wir gar nicht so viel vermisst. Und vielleicht ist das einer der Gründe, warum sich das Zurückkommen nicht ganz so beflügelnd für uns anfühlt. Trotzdem tut es gut, hier zu sein. Trotzdem ist da Freude, Zuversicht, Liebe und Hoffnung. Aber auch Schmerz, Trauer und Angst. Und all das darf da sein. All das muss da sein.

Daher kann ich nur noch einmal sagen: Zurückzukommen nach so einer langen Reise fühlt sich seltsam an. Einerseits vertraut, andererseits fremd. Irgendwie schön – und doch schmerzhaft. Manchmal überfordernd, manchmal leicht. Irgendwie sicher – und wegen unserer offenen Zukunft trotz allem unsicher. Irgendwie… einfach anders als davor.

Eine Antwort zu „Wie fühlt es sich an, wieder zurück in Deutschland zu sein?“

  1. […] ich meinen ersten Beitrag schrieb – „Wie fühlt es sich an, wieder zurück in Deutschland zu sein?“ – fühlte ich mich noch fremd in Berlin. Oft überfordert, manchmal wie ein richtiger […]

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