Marokko: ein wilder Abschluss

Die letzten Wochen der Weltreise fühlten sich turbulent an – so auch unser Besuch in Marokko. Drei Wochen reisten wir durch das Land in Nordafrika – mal mit sehr viel Begeisterung, mal mit strapazierten Nerven. Nicht nur einmal warfen wir unsere Pläne um und beendeten damit unsere Weltreise etwas chaotischer, als wir es uns erhofft hatten. Rückblickend war Marokko nicht unbedingt die beste Wahl für das Ende unserer Reise, dennoch sind wir dankbar für den Besuch – und vor allem all die Erkenntnisse, die wir dort machen durften.

Doch starten wir ein letztes Mal mit einer kleinen Beschreibung des Landes:

Marokko ist vielseitig, kulturell, einmal laut und dreckig, aber auch ruhig und idyllisch. Marokko ist der Ort, an dem man sich fühlt, als würde man ins 18. Jahrhundert zurückreisen und in eine ganz andere Welt abtauchen. Marokko ist, wo unglaubliche Gastfreundschaft auf viel zu viele Scams trifft – und man nie genau weiß, an welche Person man geraten ist. Marokko ist, wo sogar über Restaurantpreise gehandelt wird und man wirklich ALLES bekommt, was man sich vorstellen kann. Marokko ist, wo es jeden Morgen verschiedene Arten von Pancakes und Brot gibt – Marmelade, Honig und Mandelmus im Überfluss – und Tajine sowie Couscous auf keiner Karte fehlen. Marokko ist, wo Berge im Atlasgebirge emporragen und eine unglaubliche Kulisse bilden. Marokko ist, wo man innerhalb von wenigen Stunden Autofahrt eine so große Veränderung der Landschaft sieht, dass man gefühlt nicht alles wahrnehmen kann. Marokko ist, wo am Straßenrand überall Oliven-, Mandel- und Arganbäume stehen – und es normal ist, dass Honig und Mandelmus (Amlou) dort auch verkauft werden. Marokko ist, wo alte Autos zu fahrenden Cafés umgebaut werden, sodass man während einer Autofahrt etwa alle fünf Minuten einen anderen Kaffee aus einer Siebträgermaschine im Kofferraum trinken könnte. Marokko ist, wo Surfen Teil der Kultur geworden ist – genau deswegen der Tourismus aber aus allen Nähten platzt. Marokko ist, wo Medinas zu Hause sind und Touristen sich durch die Souks schlängeln. Marokko ist, wo man Kamele, Esel, Katzen und Hunde fast täglich sieht. Marokko ist einfach ein beeindruckendes Land – das einem aber genau deswegen manchmal auch zu viel werden kann.

Anreise nach Marokko mit ambitionierten Plänen

Von Tunesien aus reisten wir Anfang Juni nach Marokko. Dort wollten wir drei Wochen verbringen. Die Anreise startete allerdings mit einem kleinen Fail: Um Geld zu sparen, hatten wir unsere Flüge getrennt gebucht – Leons Ticket ging durch, meins allerdings nicht. Und so musste ich einen Flug acht später buchen, während Leon schon in Marrakech saß.

Wir flogen beide (wenn auch zeitversetzt) mit Royal Air Maroc über Casablanca nach Marrakesch. Dort angekommen machten wir uns allerdings direkt auf den Weg nach Essaouira, weil uns erstmal mehr nach Strand war als nach einer lauten und touristischen Stadt wie Marrakesch (wir haben es wohl schon geahnt).

Vor unserer Ankunft machten Leon und ich uns bereits einen groben Plan für unsere Route: Wir wollten von Essaouira die Küste entlang nach Taghazout bzw. Tamraght, dann über den Tizi’n’Test-Pass in die Atlasberge nach Imlil, weiter in die Agafay-Wüste und zum Schluss nach Marrakesch.

Am Ende kam alles etwas anders – denn schon nach kurzer Zeit merkten wir, dass die Reise in ihrer Gesamtheit deutlich anstrengender war, als wir es erwartet hatten.

Essaouira: mein Geheimtipp in Marokko

Ich habe ja schon von vielen Städten in Marokko gehört – allerdings noch nie von Essaouira. Als ich nach einem Zwischenstopp auf dem Weg von Marrakesch nach Taghazout gesucht habe, wurde mir die Stadt angezeigt. Sie soll künstlerisch sein, ruhiger als Marrakesch, komplett weiß und am Meer liegen. Zudem ein Mekka für Foodies. Das klang ungefähr nach allem, was ich liebe.

Kein Wunder also, dass Essaouira als erster Stopp unserer Marokko-Reise mich komplett überzeugen konnte. Ehrlich gesagt war die Stadt sogar noch besser als gedacht. Sie war trubelig und authentisch, aber trotz allem nicht zu viel. Die Medina war groß, und die Shops waren so gut ausgestattet – man hätte dort wahrscheinlich fünf Tage lang nur shoppen können.

So in etwa ist es auch beim Essen. Es gab SO viele und so gute Restaurants. Ich habe mich richtig verliebt. Unsere Tage vor Ort waren super entspannt, und eigentlich haben wir die Zeit primär mit Schlendern, am Strand sitzen, Shoppen und Essen verbracht. Aber genau das ist auch mal gut.

In der ganzen Stadt gibt es viele Kunstgalerien, noch viel mehr Geschichte – und vor allem unzählige Ausflugsziele in der Nähe. An einem der Tage fanden wir außerdem einen Strand, an dem Kitesurfer unterwegs waren – scheinbar ist Essaouira die perfekte Stadt dafür. Die Temperaturen um die 20 bis 25 Grad machten das alles irgendwie noch angenehmer, sodass Leon und ich beide begeistert von der Idee waren, hier irgendwann mal im Winter für ein paar Wochen auszuharren. Immerhin hat es auch im Winter hier 20 bis 23 Grad.

Für jeden, der Marokko besuchen will, aber Angst hat, dass es ein bisschen zu viel sein könnte: Essaouira ist the place to be! Meiner Meinung nach ein absoluter Geheimtipp – und der Ort, der mir auf der dreiwöchigen Reise mit Abstand am besten gefallen hat.

Taghazout & Tamraght – Surfhotspot mit teuren Preisen

Schon bevor wir nach Marokko gereist sind, wusste ich, dass ich unbedingt Taghazout und/oder Tamraght besuchen möchte – allein schon, weil der Hype darum so groß ist. Das ist schon etwas länger so, schließlich gibt es dort einen der besten Surfspots in ganz Marokko.

Wie bei allen Orten, die gehypt sind, hat man große Erwartungen. Und wie bei fast allen Orten, die gehypt sind, werde ich enttäuscht. Ich weiß nicht, ob das einfach nicht mehr meine Art von Tourismus ist oder ob ich zu hohe Erwartungen habe. Was ich aber in Taghazout und Tamraght vorfand, war entweder absoluter Massentourismus oder irgendwelche fancy Cafés mit durchschnittlichem Kaffee für 4 Euro – die überhaupt nicht in die Atmosphäre des Ortes passten.

Generell kann man in den beiden Orten, die sehr nah (15 Minuten Fahrtzeit) beieinanderliegen, nicht allzu viel machen. Surfen und am Strand liegen ist das Naheliegendste. Es gibt SO viele Surfschulen, dass hier wirklich jede*r den passenden Anfänger- oder Fortgeschrittenenkurs findet. Das Meer war deutlich wärmer, als ich dachte – trotzdem geht Surfen ohne Neoprenanzug nicht. Am Abend kann man dann wirklich tolle Sonnenuntergänge von verschiedenen Stränden aus beobachten.

Am Strand kann man natürlich auch tagsüber liegen. Es windet ziemlich stark, und die meisten unterschätzen den Wind. Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal so viele verbrannte Menschen gesehen habe. Überall gibt es Angebote für Erlebnisse wie Reiten, Quadfahren oder Ähnliches. Die Städte sind nicht allzu groß, also gibt es eigentlich immer nur dasselbe. Wer Lust hat, sich zu bewegen, kann auch an einer der 100 verschiedenen Yogastunden teilnehmen – entweder in den “Studios” oder den unzähligen Yoga- und Surfschulen. Eigentlich war Yoga einer der Gründe, warum mich Taghazout interessierte. Vor Ort ebbte mein Interesse dann aber so stark ab, dass ich lieber weiter für mich praktizierte. Das lag insbesondere daran, dass sich alles für mich so fake angefühlt hat und zudem mich das nahende Ende der Weltreise mental etwas mitnahm.

Eines meiner Highlights während der Zeit in Tamraght – neben den wunderschönen Sonnenuntergängen – war ein Besuch in einem Hammam. Das sagt auch schon einiges. Daher sind wir nach vier Tagen schon wieder abgereist, um spontan zurück ins Mittelalter zu fahren.

Übrigens: Für jeden, der nicht so weit wegfliegen will, um Surfen zu lernen, und mit einem Surf- und Yoga-Retreat in einem der beiden Orte liebäugelt – es ist trotzdem lohnenswert! Ich glaube, dass das eine wirklich coole Erfahrung sein kann. Wer allerdings einen entspannten Strandurlaub machen will, findet sicher bessere Orte als diese. Tunesien wäre da ein Tipp, den ich jedem ans Herz legen kann.

Zurück im Mittelalter in Taroudant

Die Stadt Taroudant, auch „Little Marrakesch“ genannt, liegt nur eine Stunde Fahrtzeit von Taghazout entfernt. Ich weiß nicht, wie Leon darauf kam, genau diese Stadt als nächsten Halt vorzuschlagen – es entpuppte sich allerdings als eine der großen Überraschungen unserer Reise.

In der Nähe der Stadt fand ich eine süße Airbnb, bei der wir bei einem französischen Paar in einem Haus wohnten, das so viel Geborgenheit und Liebe ausstrahlte, dass ich es fast nicht glauben konnte. Ich fühlte mich ein wenig wie bei meinen Großeltern früher – nur eben in Marokko bei fremden Menschen. Wir bekamen die ganze Zeit Tee und Kaffee, Gebäck und viele andere leckere Speisen. Einmal bekamen wir so viel Schwarztee, dass wir bis drei Uhr nachts nicht schlafen konnten. Wir aßen unter Orangenbäumen und schauten Spatzen beim Streiten zu. Am Nachmittag badeten wir in der Sonne am Pool und morgens erkundeten wir die Stadt und die Umgebung.

Taroudant wirkte wie aus dem Mittelalter entsprungen. Als wir das erste Mal in die Stadt zum Parken hineinfuhren, landeten wir zuerst in einer Sackgasse. Dort fing uns ein Marokkaner ab, der uns die Stadt zeigte und durch die Medina führte. Zwar im Eiltempo, aber immerhin bekamen wir einen ziemlich guten Eindruck der Stadt. Es gab so viel zu kaufen und zu sehen, dass es mich etwas überforderte. Am Hauptplatz waren Gaukler, die irgendwelche komischen Vorführungen machten, und überall saßen Männer in Cafés, tranken Tee und redeten. Die Straßen waren voll mit Männern, Frauen und Kindern allen Alters – dazwischen Pferdekutschen und unzählige Katzen.

In der Nähe von Taroudant fanden wir erneut eine Oase mit einer Burgruine. Auch dort fing uns ein Marokkaner bei der Ankunft ab und zeigte uns den Parkplatz. Dieses Mal dachten wir, wir hätten wieder Glück, jemanden zu finden, der uns aus Gastfreundschaft herumführt. Allerdings entpuppte sich dieser Mann als jemand, der anschließend natürlich (viel) Geld von uns wollte – für eine „Tour“, die wir auch problemlos selbst hätten machen können. Wir gingen auch mit zum Essen in sein Gästehaus, das wirklich sehr authentisch und stilvoll war – das Essen war glücklicherweise sehr gut. Unangenehm wurde es allerdings, als Leon und er dann über den Preis des Essens und der Tour verhandelten (weil er natürlich vorher keinen Preis nannte) – und sich das Ganze ein wenig wie ein Streit unter beleidigten kleinen Kindern anfühlte. Trotz allem war der Besuch und die Tour unterhaltsam – es war ja auch irgendwie abzusehen, dass man früher oder später in Marokko auf eine Masche hereinfällt. Das wäre sonst wohl nicht die richtige experience.

Insgesamt war Taroudant mit Abstand das Authentischste, was wir in ganz Marokko gesehen haben – und meiner Meinung nach ebenfalls ein Geheimtipp für alle, die sowieso in der Ecke unterwegs sind! Es ist zwar eine vollkommene Reizüberflutung – aber für ein paar Stunden absolut sehenswert.

Tizi’n’Test und die Nachwirkungen des Erdbebens

Von Taroudant aus ging es für uns dann ins Atlasgebirge. Dafür fuhren wir den Tizi’n’Test-Pass. Knapp fünf Stunden sollten wir brauchen von Taroudant bis in die Agafay-Wüste, wo unser nächster Stopp war. Am Anfang war die Fahrt unspektakulär – um ehrlich zu sein, recht langweilig. Nach ungefähr einer Stunde Fahrzeit startete dann aber das Naturspektakel, und wir sahen unglaublich schöne Bergkulissen entlang einer kurvigen Straße. Die Straße war allerdings – zumindest am Anfang – wirklich gut ausgebaut und sicher zu befahren.

Immer weiter hinein fuhren wir ins Atlasgebirge, bis die Aussicht an einem Punkt so atemberaubend schön war, dass wir stehen blieben. Als wir ausstiegen, winkte uns eine ältere Frau zu und lächelte. Wir knipsten ein paar Fotos, und bevor wir wieder einstiegen, fragte sie uns – natürlich –, ob wir einen Tee trinken wollten. Irgendwie konnten wir es nicht ausschlagen, also setzten wir uns an einen kleinen Tisch mit Blick auf die Berge und warteten auf den Tee, den Fatima zubereitete.

Währenddessen kam ihr Mann zu uns, der auch ein bisschen Deutsch sprach und sichtlich froh über ein paar Gäste war. Wie froh er war, bemerkten wir dann während des Gesprächs, denn er erzählte uns von dem Erdbeben vor zwei Jahren und davon, wie er alles verloren hatte: sein eigenes Haus sowie sein Gästehaus, vor dem wir gerade saßen. Leon und ich sahen uns die Bilder auf Google Maps an. Wir sahen eine wunderschöne Terrasse mit Blick auf den Sonnenuntergang, kleine Zimmer im marokkanischen Stil. Davon war nichts mehr da – das Erdbeben hatte alles mit sich gerissen.

Mohammed erzählte uns von zwei Touristen, die unter Trümmern begraben wurden, und dass vom Staat keine Hilfe kommt, um das Hotel wieder aufzubauen. Es war eine ergreifende Geschichte, die uns etwas überrumpelte. Wir wussten zwar, dass wir in der Region unterwegs waren, wo das Erdbeben war – allerdings kann man sich nicht vorstellen, wie es ist, wenn Menschen wirklich alles verlieren, was sie besitzen. Wir kauften bei Mohammed noch einen Honig und fuhren dann weiter.

Wir sahen unglaublich viele “Häuser” aus Containern, wo einmal richtige Häuser standen. Wir sahen verschüttete Gebäude und Sehenswürdigkeiten wie Moscheen, die es nicht mehr gab. Wir stoppten in einem kleinen Ort bei einem Restaurant, um Mittag zu essen. Isham sah direkt seine Chance und platzierte uns in der ersten Reihe seines Restaurants. Er entschuldigte sich mehrere Male dafür, wie schlimm der Ort und auch sein Restaurant aussehe – auch hier hatte das Erdbeben leider zu viele Spuren hinterlassen.

Dann kam er auch schon mit Tee, Keksen und Nüssen jeglicher Art. Isham kochte für uns eine frische Tajine. Er vergaß allerdings zu erwähnen, dass diese mindestens eine Stunde dauert – weshalb wir etwas ungeduldig und hungrig wurden, aber immerhin genügend Zeit hatten, auch mit ihm ausgiebig zu reden. Isham war so alt wie wir, aber führte ein ganz anderes Leben. Er wirkte im ersten Moment deutlich älter, man sah, er war gezeichnet vom Leben. Auch sein Haus war beim Erdbeben zerstört worden – langsam baut er es mit seiner Familie wieder auf. Wirklich viel Geld kommt nicht rein, da viele Touristen seit dem Erdbeben ausbleiben. Während er uns die Geschichten über das Erdbeben erzählte, blickten wir auf ein eingefallenes Haus. Irgendwie war das emotional doch viel schwieriger zu verdauen, als wir es anfangs angenommen hatten. Trotz allem war es ein einprägsames Erlebnis für uns, so nah an den Menschen dranzusein und irgendwie ein offenes Ohr zu geben. Es fühlte sich schwer an – und zeitgleich auch richtig und wichtig.

Nachdem wir die Tajine gegessen hatten – die wirklich unglaublich lecker war –, fuhren wir weiter Richtung Agafay Wüste. Zu diesem Zeitpunkt hatten wir bereits fünf Stunden hinter uns und angeblich noch zwei vor uns. Schon nach kurzer Zeit wussten wir, dass das nicht realistisch ist – denn die vor uns liegende Straße wurde durch das Erdbeben zerstört, und es fanden immer noch Baggerarbeiten statt. Die Straßen waren teilweise gesperrt. Also warteten wir und fuhren dann im Schneckentempo die holprige Straße entlang – zwar immer noch mit einer spektakulären Aussicht, aber mit einer gewissen Nervosität, was noch so vor uns lag.

Um ehrlich zu sein, besserte sich die Straße kaum – also benötigten wir knapp weitere vier Stunden, bis wir bei unserem nächsten Stopp ankamen. In der Zwischenzeit veränderte sich die Landschaft mehrmals. Wir sahen braun-grüne Berge, rote Berge und gelbe, sanftere Hügel. Es war wirklich eindrücklich – und wir am Ende einfach nur müde.

Den Tizi’n’Test-Pass zu fahren, war mit Sicherheit eines der anstrengendsten Dinge der ganzen Reise. Aber auch eines der einprägsamsten – und es hat mir und Leon gezeigt, wie gerne wir das wirkliche Leben in anderen Ländern kennenlernen und wie viel uns der Austausch mit anderen Menschen gibt – selbst wenn es nicht immer einfach ist.

Etwas Erholung in der Agafay Wüste

Für Leons Geburtstag buchten wir uns eine kleine Ecolodge am Rande der Agafay-Wüste. Morgens schauten wir vom Bett auf die gelben Sandhügel, frühstückten und badeten im Pool. Zu Leons Geburtstag gab es sogar einen selbst gebackenen Schoko-Nuss-Kuchen.

Anschließend besuchten wir eine Auffangstation für Esel, welchen wir durch Zufall bei Google Maps. Schnell entpuppte sich diese als eines der Highlights unserer Marokko-Reise. Ich wusste nicht, wie sensibel Esel sind und vor allem, wie viel Liebe sie brauchen. Leider bestätigte sich vor Ort Leons und meine Vermutung, dass Tiere in Marokko oft nicht allzu gut gehalten werden – es gab wirklich ein paar traurige sowie tragische Geschichten.

Nach unserem Besuch bei den Eseln wanderten wir noch kurz bei 40 Grad die Hügel ein wenig entlang, bevor wir uns zurück an den Pool legten.

Die Agafay-Wüste liegt nur etwa 30 Kilometer südwestlich von Marrakesch und ist eigentlich keine klassische Sandwüste, sondern eher eine steinige und karge Landschaft mit verstreuten Sandflächen. Sie ist das perfekte Ziel für alle, die Wüstenatmosphäre ohne die weiten Sanddünen der Sahara suchen – und gleichzeitig nahe genug an der Stadt, um schnell wieder in die Zivilisation zurückzukehren. Die Agafay ist besonders beliebt für Tagesausflüge, aber auch für Übernachtungen in Wüstencamps, die von rustikal bis luxuriös reichen. Abends kann man hier spektakuläre Sonnenuntergänge erleben und nachts den beeindruckenden Sternenhimmel beobachten, da die Lichtverschmutzung minimal ist.

Rein theoretisch gibt es in der Agafay-Wüste unzählige Wüstencamps. Diese sind teilweise ziemlich luxuriös, die Preise liegen meist zwischen 150 und 500 Euro. Erst buchten Leon und ich eines davon, letzten Endes stornierten wir es aber wieder. Wir hatten schon so viel gesehen und das Bedürfnis, eher etwas weniger Input zu erhalten. Irgendwann bemerkte ich auch, dass ich da nur hinwollte, weil jeder hingeht. Insofern ging es für uns bereits weiter in Richtung Marrakesch – denn unser ursprünglich geplanter Stopp in Imlil wurde ebenfalls aus unserem Programm geworfen.

Überforderung in Marrakech

Nach der Agafay Wüste wollten wir eigentlich weiter nach Imlil, um dort im Atlas Gebirge wandern zu gehen. Je näher wir dem Ende unserer Reise kamen, desto mehr bemerkten wir, wie wichtig uns ein Gefühl von Sicherheit ist. Ein Gefühl, an einem Ort zu sein, der nicht die ganze Zeit für Reizüberflutung sorgt. Ein Ort, an dem man einfach ankommen kann. Ich sehnte mich überhaupt nicht mehr nach wandern oder einem neuen Ort, sondern nach herunterkommen und entspannten. Also fanden Leon und ich in der Nähe von Marrakesch (ca. 15 Fahrtminuten vom Zentrum entfernt) ein kleines Farm-Hotel, in das wir uns für mehrere Nächte einbuchten. In dem Hotel fanden wir genau das. Es gab wenige Gäste, wir hatten den Pool fast immer für uns allein. Wir bekamen ein Zimmer, das unglaublich viel Privatsphäre und eine große Terrasse bot, überall war es grün. Im Garten gab es Esel und Ziegen, unzählige Frische Kräuter und Bäume. Es gab ein großes Hammam, leckeres Essen und einen lieben Inhaber, der jeden Abend Antipasti und Wein aufs Haus servierte.

Zwei Tage verbrachten wir nur am Pool und im Spa. Die anderen Tage machten wir einen Ausflug zu einem der bekanntesten Gärten rund um Marrakech – ANIMA. Zudem statteten wir spontan einem Aquapark einen Besuch ab, was ungefähr das Lustigste war, das wir seit Langem gemacht haben. Wir fühlten uns wieder wie 14 und rutschten jede verfügbare Rutsche. Die Tage waren langsam und entspannt und taten gleichzeitig so gut. Ich allein hatte so viele Erkenntnisse während dieser Tage. Ich konnte in dieser Zeit so viel verarbeiten und bin irgendwo auch traurig, wenn ich an die Zeit zurückdenke. Denn genau während dieser Tage nahmen wir langsam Abschied von der Reise.

Wir waren also gewappnet, unsere letzten Nächte in Marrakesch zu verbringen. Vorab hörten wir bereits gemischte Meinungen über die Stadt. Dementsprechend waren wir nicht allzu überrascht, als wir merkten, wie laut und dreckig Marrakesch wirklich ist. Statt uns ins Getümmel zu stürzen, habe ich allerdings die meiste Zeit im Bett verbracht – dank einer kleinen Lebensmittelvergiftung, die meinen Körper dann noch heimsuchte. Es wäre ja gelacht gewesen, wenn es mich auf neun Monaten Reisen nicht erwischt hätte. Trotzdem bekamen wir einen guten Eindruck von Marrakesch und konnten auch ein paar schöne Ecken erkunden. Es gibt wirklich unglaublich schöne und beeindruckende Gebäude.

Es gibt viel zu entdecken und zu sehen – in der Stadt selbst befinden sich zudem mehrere kleine botanische Gärten. Dennoch sind unsere Gefühle zur Stadt eher durchwachsen. Ich glaube, dass es uns besser gefallen hätte, wenn wir nicht schon neun Monate unterwegs gewesen wären. Wenn es nicht das Ende eines so langen Trips gewesen wäre. Es war einfach zu viel von allem. Denn das ist auch Marrakesch. Trotzdem bin ich begeistert davon, was Marrakesch für eine perfekte Ausgangsstadt ist, um das Land zu erkunden. Man kann innerhalb von ein bis zwei Wochen SO viel sehen und das innerhalb kurzer Distanzen. Deshalb empfehle ich trotz allem jedem, einen Flug nach Marrakesch zu buchen und einfach mal in die marokkanische Kultur einzutauchen – es ist in jedem Fall eindrucksvoll! Ich würde allerdings nicht allzu viel Zeit dort einplanen.

Gemischte Gefühle in Marokko

Im Gegensatz zu anderen Ländern haben wir uns in Marokko nicht immer wohl gefühlt. Wie bereits angesprochen lag das sicher auch an uns und daran, dass unsere Bedürfnisse nicht ganz gematcht werden konnten. Marokko fühlte sich für uns zwar nie unsicher an, dafür aber oft anstrengend. Dazu zählt etwa Autofahren (wirklich kein Spaß!), auf saubere Restaurants achten (mehr als in anderen Ländern) und auch das ganze Verhandeln und Abwimmeln von Leuten, die in Scharen auf einen zukommen. Man wusste nie so richtig, ob man gleich auf einen Scam hereinfällt oder doch von Gastfreundschaft umgeben ist – das führte irgendwie dazu, dass man sich nicht so ganz entspannen konnte. Zudem hinterließen die Gespräche, die wir in den Atlasgebirgen führten, bei uns ein bedrückendes Gefühl – eine Mischung aus Hilflosigkeit, Mitgefühl und Trauer.

Was allerdings die negativsten Gefühle in mir auslöste, war die Tatsache, wie verbreitet und normal Catcalling in Marokko ist. Ich dachte immer, es könne nicht schlimmer werden als in manchen Ländern Südamerikas. Solange ich mit Leon unterwegs war, gab es kaum bis nie Kommentare. Unternahm ich Spaziergänge alleine, bekam ich von fast jedem Mann, egal welchen Alters, einen Kommentar – und das, obwohl ich mich immer bei meiner Kleidung angepasst habe (lange Hose, Schultern bedeckt). Als Feministin fiel es mir offen gesagt am Anfang sehr schwer, das zu akzeptieren. Denn dass Männer weiterhin einen gesonderten Status in arabischen Ländern wie Marokko haben (siehe alle Cafés, da sitzen nämlich nur Männer) ist eine Sache, aber dass dann doch so viele so respektlos sind und mich und meinen Körper lautstark und offensichtlich kommentieren, war mir im ersten Moment zu viel. Über das Thema rund um Männer in Cafés habe ich bereits etwas in meinem Beitrag zu Tunesien geschrieben, das will ich hier nicht noch einmal gesondert ausführen. Was mir auffiel: in Marokko ist es genauso, es wirkte allerdings noch etwas konservativer auf mich.

Das half mir immerhin, mich noch mehr mit der arabischen Kultur auseinanderzusetzen und auch viele Dinge zu finden, die mich begeisterten. Dazu gehört zum Beispiel, dass Beziehungen wichtiger sind als Eile. Zuhören, Pausen machen, gemeinsam sein – das zählt. Auch, wie Tee die Kultur zusammenhält und der Glaube Halt und Rhythmus gibt. Zudem sind auch die Großzügigkeit, Herzlichkeit und Offenheit etwas, das mich begeisterte.

Trotz allem bleibt ein fader Beigeschmack bei mir in Hinblick auf die Rechte der Frauen vor Ort und der fehlenden Toleranz gegenüber anderen Lebensmodellen – für mich ist das Grund genug, dass ich zum aktuellen Zeitpunkt keiner Frau empfehlen würde, alleine nach Marokko zu reisen (abgesehen vielleicht von Orten wie Tagazhout oder Tamraght). Ich würde es zwar als sicher einstufen, allerdings auch als unangenehm.

Fazit zu unserer Reise nach Marokko

Wie bereits erwähnt war unsere Reise nach Marokko sehr eindrücklich. Manchmal auch überfordernd, überraschend und teilweise auch wunderschön. Es war definitiv unperfekt und genau deswegen auch ein Ende einer neunmonatigen Reise, wie sie sein sollte. Am Anfang unserer Reise planten wir noch viel, wollten, dass alles besonders gut wird. Jetzt waren wir entspannter, nahmen die Dinge an, wie sie kamen. Wir nahmen uns die Zeit, um herunterzufahren und zu reflektieren – trotz allem erlebten wir noch so viele aufregende Dinge.

Marokko ist definitiv ein Reiseziel, das viel zu bieten hat und einen in eine ganz neue Welt eintauchen lässt. Man kann hervorragend shoppen, gut essen, Sonne genießen und auch aktiv sein. Man kann nur eine Woche dort verbringen, einen Monat oder noch viel mehr. Es gibt so viel zu entdecken und zeitgleich kann man selbst aktiv sein. Es gibt so viele Sportarten, die man ausführen kann. Es gibt so viel Geschichte und Kultur – und natürlich wunderschöne Natur. Somit würde ich trotz unseres gemischten Eindrucks trotzdem einen Besuch in Marokko empfehlen! Allerdings nur, wenn man gerade in der Lage ist, viele Eindrücke verarbeiten zu können. Zudem sollte man darauf gefasst sein, dass es auch einige Dinge geben wird, die einen persönlich mitnehmen könnten (z. B. vorherrschende Armut in den Bergen, eingeschränkte Frauenrechte und mehr). Wer allerdings nur nach Marokko für einen entspannten Strandurlaub fliegen möchte, sollte sich lieber eine andere Destination heraussuchen.

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