Ecuador: ein Wiedersehen voller Emotionen
Ich sitze gerade in der Lounge in Quito, vor mir ein Pisco Sour – und bin zum vierten Mal an diesem Flughafen. Vier Reisen in dieses besondere Land in Südamerika. Vier Reisen, die nicht unterschiedlicher hätten sein können. Und vielleicht war es genau deshalb diesmal besonders emotional. Diese Reise hat mich erinnert: an alte Zeiten, an die junge Lena – und an das, was wirklich zählt.
In den zwei Wochen, die wir in Ecuador verbrachten, wohnten wir größtenteils bei meiner Tante in Ibarra. Vorher besuchten wir ihre Stiftung mit einem kleinen Kindergarten in San Gabriel. Hier ein paar Einblicke in unsere Zeit vor Ort.

Ecuador ist bergig, grün und dabei so unfassbar vielfältig. Es ist eines dieser Länder, in denen sich die Kultur nach ein paar Stunden Autofahrt komplett verändern kann. Ecuador ist Streetfood, Handwerk, Kunst. Es ist ein Land, das Schweinefleisch liebt – und große Portionen genauso. Es ist ein Land mit Vulkanen, mit unglaublicher Geschichte. Ein Land, das mich immer wieder staunen lässt.
Ich kenne bisher nur den Norden – und trotzdem spüre ich, wie facettenreich dieses Land ist. Ecuador liegt direkt am Äquator, die Sonne ist gnadenlos stark. Es gibt Früchte, von denen man nie genug bekommt. Pferde laufen frei herum, gefühlt besitzt jede zweite Familie eine Hacienda. Und dann diese Aussicht, wenn man die Panamericana entlangfährt – so schön, dass man manchmal seinen Augen nicht traut. Ecuador ist ein Land, das ins Herz geht. Ein Land, das gerade schwere Zeiten durchmacht – und dem ich wünsche, dass es irgendwann in seine volle Kraft zurückfindet.



Abenteuerliche Anreise zu Fuß über die Grenze
Statt nach Ecuador zu fliegen, entschieden Leon und ich uns diesmal für einen anderen Weg: Mit dem Bus bis zur kolumbianischen Grenze – und dann zu Fuß rüber. Es war aufregend und irgendwie cool. Vor Ort lief alles problemlos, auch wenn einem manche Leute versuchen wollen, teure Taxis aufzuschwatzen – angeblich zur Sicherheit. Aber: Der Grenzübergang dauert nur ein paar Minuten, Polizei ist genug da, und die Fragen bei der Migration sind dieselben wie am Flughafen. Nur dauert alles gefühlt fünfmal so lange.
In Ecuador fiel dann sogar das System aus, sodass wir über 30 Minuten auf unsere Pässe warten mussten. Und ehrlich gesagt: Man könnte die Migration in Ecuador auch einfach übersehen – die Einreise wäre theoretisch problemlos auch illegal möglich. Irgendwie verrückt.
Insgesamt hatten wir aber eine gute Erfahrung (Leon war sogar ziemlich begeistert). Nur beim Geldwechseln sollte man vorsichtig sein – es kursieren viele gefälschte Dollar. Wir hatten Glück, aber beim nächsten Mal würden wir definitiv in eine offizielle Wechselstube gehen.
Mit dem Bus ging’s dann weiter nach San Gabriel – unser erster Stopp. Eine kleine Stadt, etwa eine Stunde von der Grenze entfernt. Die Fahrt kostete drei Dollar.


Zurück im Kindergarten meiner Tante – ein Ort voller Erinnerungen
San Gabriel ist kein typisches Touristenziel. Wir kamen vor allem, um im Kindergarten meiner Tante zu helfen – den sie vor vielen Jahren für sozial benachteiligte Kinder gegründet hat. Ich war mit 12 zum ersten Mal dort, dann wieder mit 18, als ich ein paar Wochen mitgearbeitet habe. Und jetzt, zehn Jahre später, war ich zurück – mit Leon, wie damals zu Weihnachten mit 21.
Viel hatte sich nicht verändert – aber ich schon. Ich war erwachsener, offener, irgendwie dankbarer. Nach all dem Komfort der letzten Jahre und den vielen Reisekilometern tat es gut, wieder hier zu sein. Die Kinder haben uns mit so viel Liebe empfangen. Es war schön zu sehen, wie allein unsere Anwesenheit ihnen ein Strahlen ins Gesicht zauberte.
Wir unterrichteten, spielten und kuschelten mit den etwa 40 Kindern, die dort unter der Woche betreut werden. Manche waren schon sehr weit, andere hatten noch große Entwicklungsunterschiede – je nachdem, wie ihr Umfeld zu Hause aussah.
An einem Nachmittag besuchten Leon und ich außerdem die Patenkinder unserer Eltern und von uns selbst. Das war ein besonders berührender Moment – man kennt die Kinder sonst nur durch Briefe. Und dann steht man da, mitten in ihrem Zuhause, ohne Fenster, ohne Heizung, alle in einem Raum, Schwestern in einem Bett. Keine Privatsphäre, kaum Hygiene. Wir hatten Obst, Decken, Kleidung und ein paar Kleinigkeiten mitgebracht.
Und trotzdem fühlte es sich seltsam an, so viel zu schenken. Wir wollten nicht wie die „Retter aus Europa“ wirken. Und doch – ihre Freude zeigte uns, wie viel kleine Gesten bewirken können.
Wer noch mehr über die Stiftung meiner Tante lernen will, kann gerne sich hier belesen oder sich bei mir melden: https://www.fumuecuador.org/.
Wir verließen San Gabriel mit einem vollen Herzen – und noch mehr Dankbarkeit für das, was wir gerade haben.



Ein Stück Zuhause in Ibarra
Von San Gabriel ging es mit dem Bus weiter nach Ibarra. Meine Tante empfing uns dort in ihrem großen Haus – und wir fielen erstmal einfach nur ins Bett. Wie schön es war, wieder ein Zuhause zu haben. Ein eigenes Zimmer. Eine Küche. Platz. Dinge, die man auf Reisen so schnell vermisst.
Das Wetter war anfangs nicht auf unserer Seite, aber für uns war das okay. Wir nutzten die Zeit zum Ankommen und Durchschnaufen.
Kurz darauf kamen auch meine Cousine Cata und ihr Freund Tim in Ecuador an. Gemeinsam erkundeten wir von Ibarra aus die Umgebung – ein bisschen das typische Touriprogramm, so gut es das Wetter zuließ.



Wir besuchten den bekannten Markt in Otavalo, kauften eine Hängematte (ja, Leon und ich haben jetzt eine!) und aßen uns durch die lokale Küche. Wir fuhren zum Cuicocha-See, nach El Ángel zu den berühmten Frailejones (diese „Palmen“, die eigentlich gar keine sind) – und jedes Mal war schon der Weg ein kleines Abenteuer. Die Berge in Ecuador sind einfach unfassbar schön. Für mich war es das erste Mal in El Ángel – und trotz Regen war ich mehr als verzaubert. Wir spazierten durch Ibarra, aßen typisch ecuadorianische Speisen, spielten Spiele und relaxten vor dem Ofen im Haus. Es waren gemütliche, aber wirklich schöne Tage. Es ist immer wieder beeindruckend, wie viel man in und um Ibarra sehen kann. Übrigens: in den umliegenden Gegenden gibt es so viele selbstgemachte Dinge, wie ich sie lange nicht mehr gesehen habe. Darunter eine Stadt, in der es sehr viele Stickereien gibt. Eine Stadt, in der es tausende Lederwaren (und wirklich tolle Taschen gibt). Und dann eben Otavalo, wo man gefühlt von Kleidung über Schmuck, Hängematten, Ponchos, Körbe, Obst und vieeeles mehr alles bekommt.



Familienzeit am Meer
Ein weiteres Highlight: der 50. Geburtstag meines Onkels. Zu diesem Anlass fuhren wir alle gemeinsam an die Küste – seine ganze Familie, die in Ecuador lebt. Die Fahrt war spektakulär, wie immer. Am Strand selbst verbrachten wir entspannte Tage – essen, spazieren, spielen. Es war ein witziges und vor allem entspanntes zusammentreffen.
Eines Abends spielten wir Flunkyball im Nieselregen am Strand, ein anderes Mal machten wir uns mit dem Arzt des Dorfes auf den Weg zu Höhlen – nicht allein, weil die Gegend leider nicht mehr ganz ungefährlich ist. Gerade für weiße Touristen ist der Strand in Ecuador inzwischen mit Vorsicht zu genießen. Aber wir fühlten uns jederzeit sicher. Ein witziger side-fact: es gibt in dem Ort Las Penas, in welchem wir waren, eine Bar/Club, die offensichtlich durch Drogengeldern finanziert ist. Die Polizei saß dort den halben Tag an der Bar – man weiß also genau wie es vor Ort abläuft.
Trotz allem könnte man wohl kein authentischeres Erlebnis in Ecuador haben als in Las Penas. Weiße Touristen gibt es eigentlich nicht, am Wochenende sitzen die locals in Bars zu lauter Musik und das essen ist günstig, aber wirklich unglaublich (Encocado und Ceviche all day long!).

Ein schwerer Abschied
Nach all der gemeinsamen Zeit fiel es Leon und mir schwer, Südamerika wieder zu verlassen. Es tat gut, mit der Familie zusammen zu sein. Ein Stück Alltag, ein bisschen Normalität.
Rückblickend war Ecuador unsere entspannteste Reise – und gleichzeitig die emotionalste. Ich finde, dieses Land ist immer eine Reise wert. Die Landschaft ist atemberaubend, die Menschen herzlich und die Dichte an Aktivitäten groß. Schade, dass wir dieses Mal nicht noch mehr erkundet haben – gerade die Galapgos Inseln stehen noch hoch oben auf der Liste!
Und trotz unserer kurzen Zeit habe ich auch gesehen, wie sich das Land verändert hat. Die Lage ist schwieriger geworden, Überfälle sind häufiger – die Angst ist real. Es bricht mir irgendwie das Herz, weil es das Land und die Leute nicht verdient hat.
Aber ich würde trotzdem sagen: Man kann gerade nach Ecuador reisen. Man sollte achtsam sein – nicht mit dem Handy in der Hand herumlaufen, nicht prahlen. Weniger ist hier definitiv mehr. Und sicherer.

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